Leere Regale, Autos ohne Benzin und allerorten Verärgerung über diese Zustände: In der Hauptsaison verärgern die Griechen ihre Gäste. Wegen eines Lastwagenfahrerstreiks ist kein Obst oder Gemüse zu bekommen, Benzinlieferungen fallen aus. Gerade die Touristen sind betroffen, denn sie hatten keine Zeit mehr, sich auf diese Situation vorzubereiten. Der Streik droht in die Verlängerung zu gehen – damit schneidet sich Griechenland ins eigene Fleisch: Der Tourismus ist der wichtigste Wirtschaftszweig des Landes und viele Touristen planen, früher ab- oder gar nicht anzureisen. Das würde das finanziell klamme Land hart treffen.
Griechenland ist eines der beliebtesten Reiseziele der Deutschen, doch der Streik der Tank- und Lastwagenfahrer droht, diese Beliebtheit stark zu verringern. Einheimische konnten sich rechtzeitig vorbereiten auf diese Situation, doch die Urlauber müssen auf Campingplätzen und in ihren Hotels ausharren, bis irgendwann die Tankstellen wieder beliefert werden – was noch eine Weile dauern kann.
Die griechischen Lastwagenfahrer haben angekündigt, sich einer Anordnung der Regierung zu widersetzen und ihren Streik fortzuführen. „Wir streiken weiter“ sagte der Chef der Fahrer-Gewerkschaft, Giorgos Tzortzatos, zu Journalisten. Die Regierung hatte die LKW-Fahrer am Mittwoch ultimativ aufgefordert, binnen 24 Stunden an die Arbeit zurückzukehren – andernfalls drohten ihnen der Verlust der Lizenz und rechtliche Konsequenzen. Sollten die Fahrer nicht wieder arbeiten, sei die Gesundheit der Bevölkerung durch Mangel an Lebensmitteln, Treibstoff und Medikamenten in Gefahr.
Die Besitzer und Fahrer der rund 30 000 Tank- und Lastwagen Griechenlands protestieren gegen die von der Europäischen Union verordnete sogenannte Öffnung geschlossener Berufe. Eine Lizenz für einen Last- oder Tankwagen kostet in Griechenland je nach Größe des Wagens 100 000 bis 300 000 Euro. Lizenzen sind seit fast 40 Jahren in dem Urlaubsland nicht mehr ausgegeben worden. Aus diesem Grund steigt der Wert einer Tank- oder Lastwagenlizenz immer mehr. Die griechische Regierung hat nun einen Gesetzesentwurf auf den Tisch gelegt: Jeder, der einen Lkw-Führerschein hat, soll dem Entwurf zufolge als Lastwagenfahrer arbeiten dürfen. Die Ausgabe neuer Lizenzen soll in den nächsten drei Jahren stufenweise abgeschafft werden.
Dies bewirkte den Streik, der offensichtlich die Regierung in Athen überraschte. Panikartig verpflichtete sie die Streikenden zum Dienst – doch kaum mit Erfolg. Vielmehr heizte sich die Stimmung durch diese Aktion weiter auf. Etwa 150 aufgebrachte Fahrer protestierten am Donnerstag vor dem Verkehrsministerium in Athen. Polizisten wurden mit Flaschen beworfen, die Beamten setzten Tränengas ein. Verletzt wurde niemand.
Vor allem Touristen leiden unter diesen Zuständen und schimpfen, wie ein Österreicher zitiert wird: „Es ist, als ob Euer Land finanziellen Selbstmord begehen will“. Damit könnte er Recht haben: Der Tourismus ist der wichtigste Wirtschaftsbereich Griechenlands. Das Land braucht den Tourismus mehr denn je, denn das Land steht mit etwa 300 Milliarden Euro in den Miesen. Die Schuldenkrise hinterlässt bereits Spuren. "Mindestens zehn Prozent weniger Einnahmen", heißt es bei Hoteliers in Athen. Der Fahrerausstand könnte alles noch verschlimmern.
Autovermietern geht der Sprit aus, in Hotels und Gaststätten fehlt es an frischen Zutaten. Taxis und Busse können nicht zum Flughafen, weswegen Abreisende ihren Rückflug nicht antreten können. Immer mehr Reisende stornieren ihren geplanten Urlaub in Griechenland.
Diese Situation zeigt nicht nur, wie denkbar schlecht manche Interessengruppen ihren Zeitplan für einen Streik mit derart weitreichenden Folgen gelegt haben. Außerdem findet man hier ein Beipiel dafür, wie fragil und unsicher unsere Versorgung mit den grundlegenden Dingen ist. Irgendwo fällt ein Glied aus, und schon kann eine ganze Gesellschaft an Mangel leiden. In noch schlimmeren Maße könnte sich ein Crash unseres Finanzsystems auswirken: Dann stehen Sie nicht nur vor leeren Obst- und Gemüseregalen, sondern alle Regale könnten leer sein. Dann ist es zu spät für die umfassende Krisenvorsorge.
Quelle: handelsblatt.com


