Wenige Stimmen in den Medien warnen wirklich eindringlich vor den weiteren, noch schwerwiegenderen Folgen der weltweiten Finanzkrise. Im Gegenteil, man liest immer öfter alles wird wieder gut, das Tal ist durchschritten, es geht wieder aufwärts. In vielen Zeitungen und Fernsehstationen herrscht verhaltener, doch wachsender Optimismus in Bezug auf die Rezession. Auch während der Weltwirtschaftskrise 1929 bis 1931 tönten die Medien und die führenden Politiker vom kommenden, sanften Ende der Krise und beschworen einen nicht enden wollenden Optimismus.
Die Experten überschlugen sich in ihrer Predigt des andauernden Wohlstands. Der damalige Finanzminister Andrew Mellon erklärte im September 1929 noch: „Es gibt keinen Grund, beunruhigt zu sein. Die Flut des Wohlstands wird andauern.“ Zeitungen vermeldeten „Börsenkurse auf Höchstständen in den kommenden Jahren“. Am 24. Oktober dann die Schlagzeile in einer Zeitung: „Stock Market Crashes!“ – es ist der „Schwarze Donnerstag“, der Börsencrash der Wall Street und damit der Beginn der „Großen Depression“, welche die dreißiger Jahre prägen sollte.
Einen Tag später jedoch schon wieder positive Meldungen: Broker glauben den Tiefpunkt erreicht, Analysten wie John J. Raskob raten dazu, Aktien zu kaufen. Banken und Versicherungen empfehlen das Gleiche. Die führenden Köpfe im Bank- und Industriesektor lassen verbreiten, dass sie vom kommenden Jahr 1930 gute Nachrichten erwarten. Die New York Times schreibt am 31. Oktober 1929, nachdem Milliarden Dollar verloren wurden, dass „der Markt sich nun wieder erholt habe und stabil“ sei. In allen Zeitungen war von Optimismus, Aufbruch und Hoffnung zu lesen. Die Washington Post diskutiert unterdessen schon „das Ende der Krise“.
Im November 1929 verkündete Dr. Julius Klein aus dem Handelsministerium: „Die Depression ist vorüber.“ „Das Schlimmste ist ohne Zweifel vorbei“, beschwört auch US-Arbeitsminister James J. Davis im Juni 1930 die Öffentlichkeit: „Wir waren am Boden und sind nun wieder im Schwung aufwärts.“ Rekordumsätze werden vorhergesehen. Doch die Krise ging zu diesem Zeitpunkt erst richtig los und erfasste weite Teile der Welt.
Man erkennt einige Parallelen der damaligen Berichterstattung im Vergleich zu den aktuellen Medienäußerungen zur Krise. Insgesamt war die Berichterstattung zwar weniger kritisch und deutlich euphorischer. Damals glaubten die Menschen, vor allem die US-Amerikaner, an eine Art „ewigen“ Wohlstand, der in Wirklichkeit nicht zu erfüllen war. Dies findet in den teilweise jeglichem Realitätssinn entbehrenden Äußerungen und absoluten Fehleinschätzungen der damaligen Medien Ausdruck. Dennoch lässt sich feststellen, dass von vielen Seiten auch zur heutigen Krise gerne stumpf optimistisch nach vorne geblickt wird wie damals. Mainstream-Medien und Politik formieren zusammen einen „Alles wird gut“-Chor, der einem in einigen Fällen wahnsinnig und fanatisch vorkommen muss in seiner Systemgläubigkeit und Öffentlichkeitshörigkeit.
Es gibt heutzutage deutlich mehr kritische und besorgte Stimmen, die unser System wackeln, wenn nicht gar fallen sehen – doch gehen diese Stimmen weiterhin unter und werden kaum gehört in der Stimmengewalt der etablierten Meinungen. Dass jene, die direkt im Zentrum des Wirtschafts- und Finanzzaubers leben und wirken, eines nüchternen Blicks von außen entbehren, konnte man auch damals, zur Zeit der großen Depression sehen. Und es scheint, als habe sich das bis heute nicht geändert.


